Die „Baseballschlägerjahre“ gab es leider auch in MV – rechte Gewalt prägte den Alltag vieler Menschen in den 1990er Jahren. Doch warum wird so wenig über rechte Gewalt in den 1990er- und 2000er-Jahren gesprochen? Wo sind die Betroffenen heute? Wie sind sie damals mit den Angriffen umgegangen? Wer trägt Verantwortung? Wie wurde reagiert und was sagen Menschen, die diese Zeit erlebt haben, heute dazu?

In unserem neuen Projekt „Erinnern & Handeln. Rechte Gewalt & Gegenwehr in MV“ gehen wir diesen Fragen und Erfahrungen gemeinsam mit verschiedenen Menschen aus Mecklenburg‑Vorpommern nach.
Bis 2029 wird das Projekt wird im Rahmen der Säule 2 „Lernen aus Transformationsgeschichte(n) in Ost und West“ des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern (BMI) und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) sowie durch das Kulturamt der Hansestadt Rostock und das Landesamt für Gesundheit und Soziales MV gefördert.
Was ist passiert?
Die 1990er-Jahre bleiben vielen als Zeit der Umbrüche in Erinnerung: neu gewonnene Freiheiten, aber auch Massenkündigungen, Arbeitslosigkeit, soziale Härten und biografische Brüche prägten den Alltag. Während viele Erwachsene neu anfangen mussten, nutzten Jugendliche die von Polizei und Staat wenig regulierten Räume, um sich subkulturell auszuleben. Viele politisierten sich in der vorherrschenden rechten Jugendkultur — begünstigt durch politische und gesellschaftliche Debatten über Migration und Zugehörigkeit sowie durch die Verbreitung nationalistischer und rassistischer Positionen.
Das rassistische Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 erhielt bundesweite Aufmerksamkeit. Weniger sichtbar blieb jedoch, wie flächendeckend rechte Gewalt und Bedrohung in vielen Orten Mecklenburg-Vorpommerns zum Alltag gehörten. Geschichten von Kindern, die Spielplätze meiden, von Bushaltestellen mit eingeritzten Nazisymbolen, vom Onkel, der früher Skinhead war, oder von Rechtsrock auf dem Schulhof kennen viele. Betroffene berichten von Angriffen, Einschüchterung, Rückzug und Strategien des Selbstschutzes. Für manche bedeutete das, bestimmte Orte zu meiden oder die eigene Sichtbarkeit bewusst zu reduzieren. Gleichzeitig gehören auch die Geschichten von Gemeinden, die sich dem Problem stellten, von Jugendlichen, die eigene bunte Projekte starteten, und von Betroffenen, die Halt in Familie, Nachbarschaft, Communities oder lokalen Initiativen fanden, dazu.
Besonders schwer wiegen die Fälle, in denen Menschen durch rechte Gewalt ihr Leben verloren. Viele dieser Opfer waren Wohnungslose oder Migrant*innen. Nur in wenigen Orten wird heute noch an sie erinnert.
Was ist geplant?
Zentraler Bestandteil des Projekts ist eine Wanderausstellung, die von 2027 bis 2029 an mehreren Orten in Mecklenburg-Vorpommern Station machen wird, darunter in Rostock‑Lichtenhagen, Ribnitz‑Damgarten, Demmin, Neubrandenburg und Greifswald.
Gemeinsam mit unseren Partnervereinen vor Ort initiieren und begleiten wir Recherchen, veranstalten öffentliche Formate wie Erzählcafés, sichten historische Quellen und fragen: Was ist damals geschehen? Wer waren die Betroffenen? Wie wurde vor Ort reagiert? Und was lässt sich daraus für die Gegenwart lernen?
Warum ist das jetzt wichtig?
Die 90er erleben nicht nur modisch ein Revival: Angesichts hoher Wahlergebnisse rechtspopulistischer Parteien sowie zunehmender rechter Gewalt stellen sich viele Menschen die Frage, ob die „Baseballschlägerjahre“ zurückkehren und welche gesellschaftlichen Lehren aus den 1990er-Jahren gezogen werden können. Wir wollen die Perspektiven der Betroffenen stärken, Empathie fördern und menschenfeindlichen Einstellungen entgegentreten. Zugleich soll deutlich werden, dass es schon damals Gegenwehr gab: durch zivilgesellschaftliches Engagement, durch lokale Bündnisse, durch Solidarität, durch Menschen, die Verantwortung übernommen haben und durch das Finden von konstruktiven Wegen im Umgang mit zunehmender Eskalation. Diese Geschichten sind für die historische Einordnung ebenso wichtig wie für die heutige demokratiefördernde Bildungsarbeit.
Mitmachen!
Wir suchen Ihre und Eure Geschichten. Während unser Team im ersten Projektjahr die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung vorbereitet, freuen wir uns über Hinweise, Erinnerungen und Materialien aus den Regionen. Durchsucht eure Archive, holt alte Fotos hervor, sprecht mit Menschen, die diese Zeit aus eigener Erfahrung kennen – etwa mit frühere Weggefährt*innen aus dem Jugendclub, mit Lokalpolitiker*innen, Sozialarbeiter*innen oder Verwandten.
Uns interessieren unter anderem diese Fragen:
- Wie hast du die Zeit nach der Wiedervereinigung erlebt?
- Welche Erfahrungen hast du mit rechter Gewalt oder Ausgrenzung gemacht?
- Welche Formen von Schutz, Solidarität oder Gegenwehr hast du erlebt oder selbst mitgetragen?
In den kommenden Monaten gehen wir mit einer Website online, auf der ihr den Projektverlauf verfolgen könnt. Bis dahin erreicht ihr uns bei Fragen und Anregungen per E‑Mail oder über Instagram.
