Interviews mit Betroffenen des Pogroms in Lichtenhagen

Im August 1992 griffen in Rostock-Lichtenhagen mehrere hundert Gewalttäter*innen unter dem Applaus von bis zu 3.000 Zuschauer*innen über mehrere Tage ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam und Geflüchtete an. Die Geflüchteten waren in Lichtenhagen, um sich in der „Zentralen Aufnahmestelle“ (ZASt) registrieren zu lassen. Obwohl die in der ZASt angegriffenen Geflüchteten eine der beiden Betroffenengruppen des Pogroms und Hautpzeug*innen des Geschehens sind, war über ihre Perspektiven und Erzählungen bisher nur sehr wenig bekannt.

Diese Leerstelle ist auch ein Ausdruck der Kontinuität von rassistischen Machtverhältnissen. Die Stimmen und Perspektiven der betroffenen Geflüchteten wurden in der zeitgenössischen Berichterstattung unsichtbar gemacht. Viele der Betroffenen selbst wurden vermutlich in den Monaten nach dem Pogrom abgeschoben. Andere verließen Deutschland, um der Abschiebung und der alltäglichen Bedrohung durch rechte Gewalt zu entgehen.

Um diese Leerstelle zu füllen, haben wir seit dem Sommer 2021 in einem Forschungsprojekt recherchiert. Im Fokus standen dabei Rom:nja aus Rumänien, die laut zeitgenössischen Berichten einen Teil der betroffenen Geflüchteten ausgemacht haben sollen. Dank der Zusammenarbeit mit dem Roma Center e.V. in Deutschland, Ionela Padure, Christian Padure und Romeo Tiberiade in Rumänien sowie Izabela Tiberiade in Schweden war es möglich, Kontakte zu Überlebenden herzustellen. So können wir nun – mehr als 30 Jahre nach dem Pogrom in Lichtenhagen – vier Interviews veröffentlichen.

In den vier Interviews sprechen Menschen, welche die tagelange rassistische Gewalt in der ZASt überlebt haben. Sie alle sind Rom:nja und leben heute im südrumänischen Craiova. Anfang der 1990er Jahre flohen sie vor rassistischer Diskriminierung und extremer Armut nach Deutschland. In den Interviews sprechen sie über das Leben im postsozialistischen Rumänien, die Flucht, die Angriffe in Lichtenhagen und das Leben in Deutschland:

Unser Dank gilt den interviewten Überlebenden und Zeitzeug:innen: Romeo Tiberiade, Ioana Miclescu, Marian Dumitru und Leonora Dumitru. 30 Jahre nach dem Pogrom in Lichtenhagen waren sie bereit, ihre Erinnerungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Ihre Erzählungen sind für die Forschung und für die Erinnerung an das Pogrom in Lichtenhagen unverzichtbar. Wir danken allen Kooperationspartner:innen, die in Rumänien an der Erstellung der Interviews beteiligt waren.

Alle Interviews wurden von Izabela Tiberiade und Romeo Tiberiade im Juli 2022 in Craiova geführt. Izabela Tiberiades Eltern, Romeo Tiberiade und Iona Miclescu sind selbst Überlebende des Pogroms. Bei einer Veranstaltung zu den 30. Jahrestagen des Pogroms in Lichtenhagen stellte Izabela Tiberiade drei der Interviews in Rostock vor:

An dieser Stelle veröffentlichen wir die vier Videointerviews erstmals. Aktuell arbeiten wir sowohl an der inhaltlichen Auswertung des Materials als auch an der Verwendung des Materials in unserer pädagogischen Arbeit. Entsprechende Bildungsmaterialien werden im Frühjahr 2023 auf politischbilden.de erscheinen.